Paul Reusch

* 1868 † 1956

EM SS 1920

Leben & Wirken

Paul Reusch war einer der wirtschaftlich erfolgreichsten und politisch einflussreichsten Schwerindustriellen des späten Kaiserreiches und der Weimarer Republik und langjähriger Vorstandsvorsitzender der Gutehoffnungshütte. Er stellte die Weichen für die Entwicklung der Gutehoffnungshütte zum modernen und dynamischen Montan- und Maschinenbaukonzern. Die Bilanz seiner politischen Aktivitäten fällt dagegen zwiespältig aus: Die Weimarer Demokratie lehnte er zugunsten autoritärer Lösungen ab, zu den Nationalsozialisten ging er erst spät, dann jedoch deutlich auf Distanz.

Reusch war Sohn des württembergischen Oberbergrats Karl Hermann Reusch und dessen Frau Marie und wurde im schwäbischen Königsbronn geboren. Nach dem Schulabschluss studierte er Hüttenwesen an der Technischen Hochschule Stuttgart und schloss als Ingenieur ab. Als Ingenieur war er zwischen 1889 und 1890 bei den Jenbacher Berg- und Hüttenwerken und von 1891 bis 1895 bei der Firma Ganz & Co. in Budapest tätig. Zwischen 1895 und 1901 arbeitete Reusch als Verwalter der Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengesellschaft. 1901 wurde er Direktor der Friedrich Wilhelms-Hütte in Mülheim an der Ruhr. 1905 wurde er in den Vorstand der Oberhausener Gutehoffnungshütte (GHH) berufen und übernahm im Jahr 1909 den Vorsitz dieses Unternehmens, das der Familie Haniel gehörte. Dieses Amt hatte er bis 1942 inne. Mit dem Beginn seiner Tätigkeit baute er den Bergbau und Stahlbetrieb zu einem horizontal strukturierten Mischkonzern um.

Im Rahmen seines Mischkonzernkonzeptes war Reusch 1918 an der Gründung der Deutschen Werft in Hamburg beteiligt. Im Jahr 1920 übernahm die GHH die Aktienmehrheit Esslingen, und ein Jahr später erwarb das Unternehmen die MAN AG. Damit wurde der Grundstein zum heutigen MAN-Konzern gelegt und der GHH gelang die Ausdehnung in den für den Absatz des Unternehmens wichtigen süddeutschen Raum. Unter dem Druck der Nationalsozialisten musste er 1942 seine Vorstands- und Aufsichtsratsposten in der GHH und über 20 Konzernen aufgeben. 

Im Ersten Weltkrieg war er Mitglied des Industriellen Beirats der Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums und Vorstandsmitglied des Kriegsernährungsamtes. Als einer der einflussreichsten Wirtschaftsfunktionäre der Weimarer Republik versuchte Reusch, die Industrie auf einen antirepublikanischen Kurs festzulegen. Seine Haltung zur NSDAP war dagegen widersprüchlich. Reusch und mit ihm Teile der Ruhrindustrie haben den Sturz des als versöhnerisch kritisierten Reichskanzlers Kurt von Schleicher begrüßt. Allerdings bedeutete dies keine vorbehaltlose Zustimmung zum neuen Regime. Gegenüber dem Schriftleiter des von Reusch gelenkten „Fränkischen Kuriers“ schrieb er, unmittelbar nach dem 30. Januar 1933: „Ich bitte nach wie vor, sich der Regierung gegenüber abwartend und nüchtern zu verhalten. Begeisterung ist vorläufig nicht am Platze.“ Reusch und andere eher gemäßigte Ruhrindustrielle waren skeptisch, ob der Plan Papens, die Nationalsozialisten in der Regierung „einzurahmen“, gelingen könnte. Reusch befürchtete vor den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 eine weitere Verschiebung des politischen Gleichgewicht zu Gunsten der NSDAP und zu Lasten der bürgerlichen Parteien. Er meinte, wenn es nicht gelänge diese zu einer großen Partei zu vereinigen, würden das bürgerliche Lager „vorläufig im politischen Leben Deutschlands keine Rolle mehr spielen.“ Obwohl Reusch die GHH bereitwillig an der nationalsozialistischen Aufrüstung beteiligte, führten Konflikte innerhalb des Konzerns sowie mit verschiedenen Parteistellen der NSDAP schließlich zu seinem erzwungenen Rücktritt im Jahre 1942 und er zog sich auf sein schwäbisches Landgut Schloss Katharinenhof bei Backnang zurück.

Gegen Ende des Krieges gründete er den „Reusch-Kreis“, einen Diskussionkreis, der in engem Kontakt zur Widerstandsbewegung um Carl Goerdeler stand.

Nach dem Krieg war er für eine aktive unternehmerische Rolle zu alt. Gleichwohl blieb er in vielen Bereichen Berater seines Sohnes Hermann, der 1947 die Leitung der Gutehoffnungshütte übernahm. Weil ihn sein erzwungener Rücktritt und die Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland erbitterten, lehnt er es ab, das Ruhrgebiet noch einmal zu betreten.

Paul_Reusch_GHH_Buch
Paul Reuschs Rolle als Vorstandsvorsitzender der GHH und auch seine politische Rolle in der Weimarer Republik und der Nazizeit werden u.a. in diesem Buch beschrieben.

Ehrungen

1950 Grashof-Denkmünze des Vereins Deutscher Ingenieure
1952 Großes Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland

Rafael Stahl

Ernst Braun