Wirklicher Gartentag

Das Sieb steckt im Beet hinter der Küche, Erde rieselt herunter. Die ausgesiebten Steine fallen weniger elegant zu Boden. Kartoffeln mögen keine Kiesel in ihrer Erde, das weiß Sina – unsere Gartenwärtin. Wir wollen dennoch das Beet nutzen und für die Ernte im Herbst Kartoffeln anpflanzen. Jetzt sieben Niki, Nathalie und Karyna eben Steine. Die Hände sind dreckig und rau von der Arbeit im Beet. Ob der Fingerabdrucksensor im Smartphone noch den linken Daumen erkennt? Der Facebook Post zur verrichteten Gartenarbeit würde sonst schwierig. Glaubt denn noch jemand, dass wir wirklich im Garten gearbeitet haben? „Picture or it did not happen“ – so geht der englische Spruch: zeig ein Bild oder es ist nicht passiert. Warum ist das so?

Geh ich zeitig in die Leere
Komm ich aus der Leere voll.
Wenn ich mit dem Nichts verkehre
Weiß ich wieder, was ich soll.

Wenn ich liebe, wenn ich fühle,
Ist es eben auch Verschleiß
Aber dann, in der Kühle
Werd‘ ich wieder heiß.

aus den Buckower Elegien 1953, Berthold Brecht (1898 – 1956)

Wir halten digitale Stifte, tippen manchmal mit zehn Fingern gleichzeitig auf Laptops, Tablets und Handys. Alles Wissenswerte ist nur ein paar Klicks entfernt – man müsse nur wissen, wo es steht. Ständig flimmert blaues Licht in unseren Augen. Ständig ist es unsere Ruhe, die vom angebissenen Apfel gestohlen wird. Oder eben auch von sinnlosen Videos, kurzweiligen Serien und dem nächsten Urlaubsbild aus Bali. Wir sind abgelenkt.  Soll ich den Erzählungen einer Freundin trauen? Wikipedia wüsste es auf jeden Fall besser, das ist Fakt. Die Gegenwart ist nicht mehr greifbar, wenn sie sich zwischen digitaler und realer Wirklichkeit entscheiden muss. Wir versuchen zu oft, beide Welten krampfhaft zu verbinden und wollen sogar noch unsere Gartenarbeit für alle präsentieren. Ein Bild von mir beim Steine Sieben ist rational betrachtet nicht sonderlich interessant. Die Freunde müssen es aber trotzdem sehen, ich bin nämlich #naturbezogen. Ich bin nämlich ein #gartenmensch. Ich bin nämlich #carpediem. Genau aus diesem Zwiespalt der Gegenwart heraus entsteht aber auch etwas Positives. Alltägliche Dinge, die wegen ihres analogen Wesens nicht zwischen Digitalisierung und Realität balancieren, werden romantisiert. Die Frage bleibt dennoch: Wofür tut man etwas Wirkliches wie Gartenarbeit – für sich selbst oder sein digitales Ich? 


Träumerische Musik klingt etwas blechern aus einer kleinen Musikbox in der Wiese. Die Wiese wird langsam grün, weil Lucas zufrieden das Laub einsammelt – man sieht, er genießt die Arbeit. Er macht es für den Garten, aber eben auch für sich. Kein Skype Meeting hält ihn vom Laubsammeln ab. Keine „TelKo“ erschwert die Aufgabe. Laubsammeln ist verständlich und etwas Wirkliches. Man sammelt Laub im Augenblick.

So läuft es im „Löchle“ auch. Dort sortiert Simon Steine. Welche Steine können wir noch brauchen, welche sind überflüssig? Wir finden dort auch gelbe Säcke aus dem Jahr 2013, sie sind noch gelb. Das Plastik hat aber nachgelassen. Voller Elan schippt und kehrt Simon den Dreck zusammen. Wir erörtern, dass wir wohl Sondermüll für das alte Baumaterial beantragen müssen.

Das „Löchle“ ist besenrein und bezugsbereit.

Es finden sich eben viele Beispiele für den Charme vom Anpacken: Melina und Michelle sitzen auf dem Dach, sie fischen nasses Laub aus der Regenrinne. Kichernd und mit tropfenden Händen nehmen die beiden eine Kamera entgegen – sie sollen ein paar Bilder vom Dach schießen. Michelle schießt, Melina grinst – Fotoauftrag abgeschlossen. Wenn man bei strahlender Sonne über Stuttgart thront, ist die Kamera anscheinend nicht sonderlich interessant. Außerdem ruft das Laub zur Arbeit.

Ab jetzt gibt es ein kleines Salatfeld im Beet vor der Terrasse . Sina kümmert sich vorsichtig um die kleinen Blätter des Salates. Konzentriert bedeckt sie einen Trieb nach dem anderen mit Erde und simuliert behutsam mit einer Gießkanne den fehlenden Aprilregen – das Wasser glitzert im Sonnenlicht. Hannah kehrt und kehrt und kehrt das Laub hinter der Hütte zusammen. Gerade auf der Treppe, die zum Gästezimmer hinunter führt, sammeln sich immer viele Blätter. Alle sind voll und ganz beschäftigt mit ihrer Arbeit – Jan räumt weiter die Werkstatt auf, Johannes kocht für die Truppe zu Mittag.

Bei der Pause merkt man, wie zufrieden und ausgelassen alle sind.  Heute haben alle eine Aufgabe. Wir trinken eine kühle Limo im Halbschatten und bringen uns auf den aktuellen Stand: Kartoffelbeet ist fertig, die Mädels können dann ja schonmal vor dem Haus mit dem großen Beet anfangen. Die Werkstatt braucht noch? Das Dach ist sauber. Im Löchle geht noch der Feinschliff.
Die Smartphones bleiben dabei in der Tasche, sind heute kein Teil unseres Tages. Die Frage, die sich uns noch am Morgen stellt hat sich scheinbar selbst beantwortet: Gartentag ist etwas Wirkliches für uns selbst. In Verbindung mit Natur und der Gruppe ist es ein besonderer Moment, wenn sich alle mit einer Schaufel, einem Sieb oder einem Rechen genügen und das Bedürfnis der Flucht in das Digitale-Ich gar nicht erst entsteht. Diese simplen Aufgaben geben uns das Gefühl, etwas geschafft zu haben – das Gefühl eines Tages, der uns in Erinnerung bleibt.

Dramatisches Licht bricht im aufgewirbelten Staub.

Johannes Karger – 03. Mai 2020